WAS

Charles Tilly, ein einflussreicher Soziologe und Historiker, entwickelte das Akronym WUNC, um die Merkmale zu beschreiben, die soziale Bewegungen effektiv und einflussreich machen. Es steht für:

  • Worthiness (Würdigkeit): Die Bewegung muss als moralisch legitim und respektabel wahrgenommen werden. Dies zeigt sich durch seriöses Auftreten, Unterstützung durch angesehene Persönlichkeiten oder eine klare ethische Botschaft.

  • Unity (Einheit): Eine Bewegung wirkt stärker, wenn sie geschlossen auftritt, z. B. durch einheitliche Symbole, Parolen oder gemeinsames Handeln.

  • Numbers (Zahlen): Die schiere Anzahl der Teilnehmenden signalisiert Breitenwirkung und Druck auf Entscheidungsträger.

  • Commitment (Engagement): Das sichtbare Engagement der Teilnehmenden, etwa durch Opferbereitschaft oder Ausdauer, unterstreicht die Ernsthaftigkeit der Forderungen.

Ruud Wouters und Stefaan Walgrave erweiterten Tillys Konzept um eine fünfte Dimension und schufen WUNCD, wobei das „D“ für Diversity (Vielfalt) steht:

  • Diversity (Vielfalt): Eine heterogene Zusammensetzung der Bewegung (z. B. unterschiedliche Altersgruppen, soziale Schichten oder Organisationen) zeigt, dass die Forderungen breite Unterstützung genießen und nicht nur eine Nischengruppe betreffen. Tilly erkannte Vielfalt als wichtig an, integrierte sie aber nicht explizit in WUNC, während Wouters und Walgrave sie als eigenständigen Faktor hervorheben.

Zusammen bilden WUNC bzw. WUNCD ein Rahmenwerk, um zu analysieren, wie Proteste Wahrnehmung und Einfluss erzeugen – sei es auf Politik, Medien oder die Öffentlichkeit.


WIE: Beispiele in der deutschen Politik

Hier sind Beispiele aus der deutschen Politik, die WUNC und WUNCD illustrieren:

  1. Fridays for Future (FFF) in Deutschland

    • Worthiness: Die Bewegung wird durch prominente Unterstützer wie Wissenschaftler und die moralische Dringlichkeit des Klimaschutzes als würdig wahrgenommen.

    • Unity: Einheitliche Streiks jeden Freitag und das Symbol der gelben „X“-Plakate zeigen Geschlossenheit.

    • Numbers: Hunderttausende Schüler und Unterstützer demonstrierten 2019 bundesweit, z. B. über 1,4 Millionen am 20. September 2019.

    • Commitment: Teilnehmende opfern Schulzeit und riskieren Konsequenzen, was ihr Engagement unterstreicht.

    • Diversity: Von Schülern über Eltern bis hin zu Wissenschaftlern („Scientists for Future“) zeigt FFF eine breite gesellschaftliche Basis.

  2. Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen (2020–2022)

    • Worthiness: Teilweise umstritten, da seriöse Kritiker (z. B. Ärzte) neben Verschwörungstheoretikern auftraten; dennoch beriefen sich die Organisatoren auf Grundrechte, um Legitimität zu beanspruchen.

    • Unity: Gemeinsame Slogans wie „Freiheit“ oder „Wir sind das Volk“ und die Nutzung von Reichsflaggen (kritisch diskutiert) zeigten Einheit in Teilen der Bewegung.

    • Numbers: Tausende demonstrierten regelmäßig, etwa 20.000 bei der Großdemo in Berlin am 1. August 2020.

    • Commitment: Teilnehmende trotzten Wetter, Polizeieinsätzen und gesellschaftlicher Ächtung, was Entschlossenheit verdeutlichte.

    • Diversity: Eine Mischung aus Querdenkern, Impfgegnern, Esoterikern und Rechtsradikalen – Vielfalt war hier sowohl Stärke als auch Schwäche, da sie die Bewegung uneinheitlich wirken ließ.

  3. Anti-Atom-Bewegung (z. B. Gorleben-Proteste)

    • Worthiness: Unterstützung durch Kirchen, Umweltverbände und prominente Persönlichkeiten verlieh den Protesten Glaubwürdigkeit.

    • Unity: Einheitliche Symbole wie die gelbe Sonne mit „Atomkraft? Nein Danke“ prägten das Bild.

    • Numbers: Zehntausende protestierten über Jahrzehnte, z. B. 100.000 gegen den Castor-Transport 1997.

    • Commitment: Blockaden und das Ausharren in Kälte oder bei Polizeieinsätzen zeigten hohe Bereitschaft.

    • Diversity: Bauern, Aktivisten, Wissenschaftler und Anwohner bildeten eine breite Koalition.

Diese Beispiele zeigen, wie WUNC/WUNCD in der Praxis funktionieren: FFF punktet durch hohe Einheit und Vielfalt, während die Corona-Proteste durch mangelnde „Worthiness“ und uneinheitliche Vielfalt an Einfluss verloren.


WO: Quellen Charles Tilly – „Social Movements, 1768-2004“
https://en.wikipedia.org/wiki/Charles_Tilly#WUNC

Wouters & Walgrave – „What Makes Protest Powerful?“ (2017) https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2914345 ResearchGate – What Makes Protest Powerful?