psychologie #rhetorik

Was

In der Psychologie bezeichnet „Projektion“ einen Abwehrmechanismus, bei dem Menschen eigene Gefühle, Eigenschaften oder Motive, die sie bei sich selbst nicht wahrnehmen oder nicht akzeptieren wollen, auf andere übertragen. Das heißt, eine Person unterstellt ihrem Gegenüber genau das Verhalten oder die Charakterzüge, die sie im Grunde bei sich selbst erlebt, aber nicht als zugehörig annehmen kann.

  • Ziel: Das eigene Selbstbild soll stabilisiert werden, indem unerwünschte innere Aspekte „nach außen“ verlagert werden.
  • Beispiel (allgemein): Jemand, der selbst schnell wütend wird, könnte anderen ständig vorwerfen, gereizt oder aggressiv zu reagieren.

Wie

In der Politik kann Projektion häufig in rhetorischen Auseinandersetzungen und strategischen Schuldzuweisungen vorkommen. Beispiele aus der deutschen Politik (teils verallgemeinert, da Projektion oft schwer direkt nachzuweisen ist):

  1. Vorwurf der Intransparenz

    • Eine Partei kritisiert lauthals die „Geheimniskrämerei“ einer anderen Partei, während sie selbst gleichzeitig wichtige Informationen nur zögerlich oder gar nicht veröffentlicht. So wird die eigene (mögliche) Intransparenz verdrängt und nach außen verlegt.
  2. Anschuldigung von „Spaltungs-Taktiken“

    • In Wahlkämpfen kommt es vor, dass Politiker:innen anderen Parteien oder Akteur:innen „gesellschaftliche Spaltung“ vorwerfen. Nicht selten stellt sich heraus, dass genau diese Politiker:innen selbst zum Teil durch polarisierende Sprache oder Maßnahmen ebenfalls zur Spaltung beitragen.
  3. Korruptions- oder Klientelvorwürfe

    • Politiker:innen einer Partei A unterstellen Partei B, nur für bestimmte Interessengruppen Politik zu machen („Klientelpolitik“). Kurz darauf kommt ans Licht, dass Partei A selbst enge Verbindungen zu Lobbyverbänden pflegt und diese Interessen im Parlament vertritt. Der Vorwurf an die anderen diente hier möglicherweise als Projektion, um von den eigenen Verstrickungen abzulenken.
  4. Umgang mit Skandalen

    • Bei politischen Skandalen (z. B. Vorwürfe zu Nebeneinkünften, Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Geldern, „Masken-Affäre“ etc.) wird oft der „schwarze Peter“ anderen Akteur:innen zugeschoben. In der öffentlichen Wahrnehmung kann das dann so wirken, dass die eigentlichen Verursacher den Fehler im Außen suchen („Die anderen sind Schuld“), anstatt sich mit eigenen Verantwortlichkeiten auseinanderzusetzen.

Wichtig: Ob tatsächlich eine Projektion vorliegt, kann nur in einer tiefergehenden psychologischen Analyse der handelnden Personen geklärt werden. In der politischen Kommunikation ist der Mechanismus jedoch häufig ein plausibles Erklärungsmodell für bestimmte Vorwürfe oder rhetorische Strategien.

Wo

Dorsch Lexikon der Psychologie (Hogrefe) – Projektion https://portal.hogrefe.com/dorsch/projektion-psychoanalyse

Spektrum Psychologie – Lexikon der Psychologie https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/projektion/12077