Was

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie ist eine eigenständige Denkschule, die 1871 in Wien mit dem Werk von Carl Menger entstand. Sie wird auch als „Wiener Schule“ oder „psychologische Schule“ bezeichnet. Ihr zentrales Merkmal ist der methodologische Individualismus, der besagt, dass ökonomische Phänomene aus den Handlungen einzelner Individuen resultieren. Die Schule betont die Bedeutung von Zeit, Unsicherheit, Unternehmertum sowie die koordinierende Funktion von Preisen und Informationen. Sie lehnt mathematische und statistische Methoden ab und konzentriert sich auf verbale Logik und deduktives Denken.  

Historische Entwicklung: Gegründet von Carl Menger (1871) als Teil der Marginalistischen Revolution. Der „Methodenstreit“ mit der Historischen Schule (1883) prägte ihre methodologische Ausrichtung. Eugen von Böhm-Bawerk und Friedrich von Wieser entwickelten Mengers Ideen weiter, insbesondere in der Kapital- und Zinstheorie sowie der Opportunitätskostenlehre. Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek prägten die Blütezeit (1920-1938) durch Debatten über Wirtschaftsrechnung im Sozialismus und Konjunkturpolitik. Hayeks Nobelpreis (1974) führte zu einer Wiederbelebung als „Austrian Economics“ in den USA.  

Kernelemente:

  • Methodologischer Individualismus und Praxeologie: Alle ökonomischen Phänomene basieren auf individuellen Handlungen und Entscheidungen. Die Praxeologie, die Wissenschaft vom menschlichen Handeln, leitet ökonomische Prinzipien deduktiv aus diesem Axiom ab.  

  • Subjektive Werttheorie und Grenznutzen: Der Wert von Gütern ist subjektiv und wird von Individuen basierend auf ihren Präferenzen bestimmt. Der Grenznutzen, der Nutzen der letzten verfügbaren Einheit, bestimmt den Wert. Handel ist für beide Seiten vorteilhaft, da er auf unterschiedlichen subjektiven Bewertungen beruht.  

  • Opportunitätskosten und Zeitpräferenz: Opportunitätskosten sind der Wert der nächstbesten entgangenen Alternative. Zeitpräferenz ist die Neigung, gegenwärtige Güter höher zu bewerten als zukünftige, was den natürlichen Zinssatz beeinflusst.  

  • Zentrale Rolle des Unternehmers: Unternehmer sind die treibende Kraft für Innovation und Wachstum, indem sie Marktchancen erkennen und Risiken eingehen.  

  • Spontane Ordnung: Soziale Institutionen und Märkte entstehen natürlich aus freiwilligen individuellen Handlungen ohne zentrale Planung.  

  • Ablehnung mathematischer Modelle: Die Schule kritisiert den exzessiven Einsatz mathematischer und statistischer Methoden, da diese die Komplexität menschlichen Handelns und Marktdynamiken nicht adäquat erfassen können. Sie bevorzugt verbale Logik und deduktive Analyse.  

Schlüsseltheorien:

  • Kapital- und Zinstheorie: Eugen von Böhm-Bawerk entwickelte diese Theorie, die Zinssätze und Gewinne durch Angebot und Nachfrage sowie Zeitpräferenz erklärt. Kapitalintensität wird mit der „Umwegigkeit“ der Produktion gleichgesetzt, wobei Investitionen in längere Produktionsprozesse durch Zinsen belohnt werden.  

  • Das Problem der Wirtschaftsrechnung im Sozialismus: Ludwig von Mises (1920) und Friedrich Hayek argumentierten, dass ohne Preissignale in Planwirtschaften keine effiziente Allokation der Produktionsfaktoren möglich ist. Marktpreise spiegeln verstreute Informationen wider, die für rationale Entscheidungen unerlässlich sind.  

  • Österreichische Konjunkturtheorie (ABCT): Diese Theorie besagt, dass Konjunkturzyklen durch die Einmischung von Zentralbanken in die Zinsbildung verursacht werden. Eine künstliche Zinssenkung führt zu „Fehlinvestitionen“ (Malinvestitionen) in nicht nachhaltige Produktionsprozesse, die nicht durch reale Ersparnisse gedeckt sind. Der daraus resultierende „Boom“ ist nicht nachhaltig und endet in einem „Bust“ (Rezession), der als notwendige Korrekturphase angesehen wird.

Wie

Die Österreichische Schule hat die öffentliche Politik in den USA, Brasilien und Europa maßgeblich beeinflusst, insbesondere durch ihre Befürwortung begrenzter staatlicher Intervention und freier Marktprinzipien.  

  • Vereinigte Staaten: Das österreichische Denken beeinflusste die Abkehr vom Keynesianismus und die Hinwendung zu marktorientierten Politiken während der Reagan-Ära, einschließlich Steuersenkungen und Deregulierung. Sie gewann an Bedeutung in Think Tanks wie dem Cato Institute, der Foundation for Economic Education und dem Mises Institute. Ideen von Hayek prägten politische Persönlichkeiten wie Ronald Reagan.  

  • Brasilien: Die Ideen führten zur Entstehung einer libertären Bewegung, die sich für wirtschaftliche Liberalisierung und individuelle Eigentumsrechte einsetzt. Sie beeinflussten das Wirtschaftsministerium und politische Figuren wie Yeda Crusius.  

  • Europa: Privatisierungs- und Liberalisierungsprozesse in Ländern wie Großbritannien und Deutschland in den 1980er und 1990er Jahren spiegelten österreichische Prinzipien wider. Die Österreichische Konjunkturtheorie half bei der Gestaltung von Politikmaßnahmen während der europäischen Staatsschuldenkrise. Estland implementierte nach 1991 Wirtschaftsreformen, die von der Österreichischen Schule inspiriert waren, darunter ein Flat-Tax-System und Deregulierung.  

  • Allgemeine Anwendungen: Das Problem der Wirtschaftsrechnung beeinflusste das Verständnis von Marktanalyse und Ressourcenallokation in modernen Unternehmen, insbesondere im Technologiesektor. Die ABCT wird weltweit genutzt, um Ursachen wirtschaftlicher Schwankungen zu verstehen und stabile Wirtschaftspolitiken zu fördern. Die Prinzipien lieferten auch Erkenntnisse zu Themen wie Militarismus, Expertenversagen, Anarchie, Sweatshops, Einwanderung und Gefängnissen.

Wo

https://austrian-institute.org/de/thema/oesterreichische-schule-der-nationaloekonomie/konjunkturtheorie/

http://www.austrianeconomicsanalytics.at/austrian-economics/die-werttheorie-der-oesterreichischen-schule/

https://coachpedropinto.com/austrianeconomicsinsights/

https://inomics.com/blog/austrian-economics-historical-contributions-and-modern-warnings-1542898

https://www.misesde.org/2013/06/die-osterreichische-schule-und-ihre-bedeutung-fur-die-moderne-wirtschaftswissenschaft/

https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/%C3%96sterreichische_Schule_der_National%C3%B6konomie